Der Wille zum Sinn– Einführung in Viktor E. Frankls Logotherapie und Existenzanalyse

Aktualisiert: 15. Mai
Was bedeutet es, Mensch zu sein? Für Viktor Frankl vor allem zweierlei: frei zu sein und verantwortlich zu sein.
„Der Mensch kann immer nur sich selbst ändern, sich selbst aber immer.“
Dies ist eines von Frankls Zitaten, das diese Haltung sehr treffend beschreibt. Denn der Mensch ist zwar nicht frei von seinen äußeren Bedingtheiten, aber immer frei, Verantwortung für sich selbst und seine innere Haltung gegenüber diesen Bedingtheiten zu übernehmen – egal, wie hart diese erscheinen mögen.
Wir können uns nicht aussuchen, in welche Familie, wo und unter welchen Bedingungen wir geboren werden. Auch unsere körperliche Gesundheit und unser Aussehen haben trotz Medizin und Schönheitschirurgie genetische und individuelle Grenzen. Doch wie wir uns zu all dem einstellen, bleibt immer uns selbst überlassen.
Jeder kennt wohl Menschen, die trotz schweren Schicksals ein äußerst erfülltes und zufriedenes Leben führen, ihre Schicksalsschläge in wahre Leistungen verwandeln und genau dadurch zu einer Inspiration für viele werden. Und im Gegensatz dazu gibt es Menschen, die scheinbar alles haben, aber dennoch keine innere Erfüllung finden, sich ständig über die Umstände beschweren und nicht in der Lage sind zu schätzen, was sie besitzen.
Als Beispiel für eine Person der ersten Kategorie ist Samuel Koch zu nennen, der als sportbegeisterter junger Mann während eines TV-Auftritts bei „Wetten, dass..?“ so schwer stürzte, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist. Viele junge Menschen wären an einem solchen Schicksal verzweifelt. Doch Koch engagiert sich stattdessen seitdem für soziale Projekte und Stiftungen für Menschen mit Querschnittslähmung und verfolgt trotz Behinderung weiterhin erfolgreich seine Schauspielkarriere.
Aus seiner Schwäche macht er eine Stärke, indem er sie immer wieder in den Mittelpunkt seiner Arbeit rückt und beispielsweise seine Abschlussarbeit an der Schauspielschule dem Thema Behinderung auf der Bühne widmete oder ein autobiografisches Buch („Zwei Leben“) über sein Schicksal und seinen Umgang damit verfasste. Durch diese lebensbejahende Haltung seinem Schicksal gegenüber wurde Koch zum Vorbild für viele Menschen, die mit ähnlichen Schicksalsschlägen umgehen müssen.
Niemand außer uns selbst bestimmt, wie wir die ganz persönlichen Fragen, die das Leben uns tagtäglich stellt, beantworten. Niemand außer uns selbst ist in der Lage, Verantwortung für unser persönliches Erleben zu übernehmen. Und niemand außer uns selbst bestimmt somit, welche Art von Mensch wir sein wollen.
Ein und derselbe Umstand bedeutet für zwei Menschen niemals genau dasselbe. Welche Bedeutung wir diesem Umstand geben und welchen Einfluss er dadurch auf unser persönliches Erleben hat, entscheidet jedoch jeder selbst.
Menschsein heißt also: Freiheit trotz Schicksal zu haben.
Und niemals kann eine schwere Kindheit oder ein Schicksalsschlag eine Entschuldigung dafür sein, diese Freiheit und gleichzeitig unsere Eigenverantwortung zu verleugnen. Es kann kaum ein besseres Beispiel dafür geben als Viktor Frankl selbst.
Die äußeren Umstände hätten für ihn nicht schlimmer sein können: 1942 wurde er als junger Mann und aufstrebender Arzt mit großen Plänen um alles gebracht, was ihm lieb und teuer war. Gemeinsam mit seiner Familie wurde er deportiert und unter unmenschlichsten Bedingungen sowie ständiger Todesangst in mehreren Konzentrationslagern gefangen gehalten. Sowohl seine Eltern als auch seine Frau überlebten das Lager nicht. Frankl jedoch schaffte es als einer der wenigen, bis zur Befreiung 1945 durch die US-Army am Leben zu bleiben.
Seine persönlichen Erlebnisse im KZ schildert er eindrucksvoll in seinem unmittelbar danach verfassten Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Schon der Titel verrät Frankls Haltung, dass dem Menschen alles genommen werden kann – nur eines nicht: seine Freiheit, sich so oder so zu den Dingen einzustellen.
In diesem Zusammenhang wird Frankl in der aktuellen Literatur immer wieder mit dem Begriff der Resilienz in Verbindung gebracht, obwohl er selbst diesen Begriff nie verwendete. Laut Frankl kann der Mensch alles im Leben meistern und selbst aus schlimmsten Krisen gestärkt hervorgehen, solange er einen individuellen Sinn im Leben erkennt und damit sein persönliches „Warum“ hat.
In diesem Zusammenhang zitierte er gerne Friedrich Nietzsche:
„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Frankls persönliche Durchhaltestrategie im Lager bestand darin, die gesamte Erfahrung als eine Art psychologisches Forschungsprojekt zu betrachten und später seinen Studenten und der Welt von dieser beispiellosen Erfahrung berichten zu können. Zudem half er seinen Mithäftlingen mit seinem Wissen als Arzt und Psychologe, so gut er konnte, zu überleben.
Frankls Sichtweise half ihm dabei, sich selbst von der Situation und den eigenen Befindlichkeiten immer wieder zu distanzieren. Diese nur dem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Selbstdistanzierung spielt eine wichtige Rolle in der Logotherapie und im Umgang mit Krisen. Ebenso die Selbsttranszendenz – in Frankls Worten:
„das Ausgerichtetsein auf etwas oder jemanden, der nicht wieder man selbst ist“.
Frankl beschrieb es einmal treffend damit, dass nur ein krankes Auge sich selbst sehe. Ein gesundes Auge sieht seinen Gegenüber – es schaut in die Welt.
Der Hauptantrieb des menschlichen Strebens ist für Frankl der Wille zum Sinn. Damit unterscheidet er sich deutlich von der Psychoanalyse Freuds, in der der Wille zur Lust im Vordergrund steht, sowie von Alfred Adler, bei dem der Wille zur Macht zentral ist.
Für Frankl ist das menschliche Leben an sich sinnvoll. Allerdings kann der Mensch in Situationen geraten, in denen er diesen Sinn nicht oder nicht mehr erkennen kann.
Deshalb setzt Frankls Logotherapie genau hier an: Sie verhilft dem Sinnsuchenden dazu, ein Sinnfindender zu werden. Sie zeigt ihm, dass überall Sinnmöglichkeiten wie unentdeckte Schätze auf ihn warten, die nur gehoben werden wollen.
„Die Rolle des Logotherapeuten ist eher die eines Augenarztes als die eines Malers. Der Maler sucht uns die Welt so zu zeigen, wie er sie sieht; der Ophthalmologe versucht uns in die Lage zu versetzen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Die Aufgabe des Logotherapeuten besteht darin, das Gesichtsfeld des Patienten zu erweitern und auszudehnen, sodass die gesamte Vielfalt der Sinnmöglichkeiten für ihn sichtbar und bewusst wird.“ (V. Frankl)
Für Frankl ist vollkommen klar, dass das Leben unter keinen Umständen seinen Sinn verlieren kann. Denn der Sinn ist das Leben selbst und die individuellen Aufgaben, die es jedem von uns stellt. Somit ist Sinn immer vorhanden, solange man lebt – ganz gleich unter welchen Umständen.
Verantwortlich ist der Mensch laut Frankl demnach insbesondere für die Erfüllung seines individuellen Sinnes, der bereits darauf wartet, von ihm – und nur von ihm persönlich – erfüllt zu werden, sowohl in der Freude als auch im Leid.
Hierbei spielt das Erkennen und Leben von Werten eine wichtige Rolle. Im Schaffen eines Werkes, in der Hingabe an einen Menschen, im genießenden Erleben von Kunst und Natur und ganz besonders in der inneren Einstellung zu den äußeren Gegebenheiten lassen sich Werte erleben, die das Leben mit Sinnhaftigkeit erfüllen.
Als Menschen werden wir täglich vom Leben aufs Neue befragt, und wir können uns jeden Tag neu entscheiden, wie wir ihm antworten möchten. Steht die Antwort, für die wir uns entscheiden, im Einklang mit unseren Werten, empfinden wir sie – und somit unser Leben – als sinnerfüllt.
Im Unterschied zu den meisten anderen Formen der Psychotherapie besteht der Mensch für Frankl nicht nur aus Körper und Psyche, sondern zusätzlich aus einer höheren geistigen Dimension. In dieser Dimension, die uns vom Tier unterscheidet, sind wir frei und können uns über körperliche und psychische Befindlichkeiten hinwegsetzen. Frankl nennt diese Fähigkeit die „Trotzmacht des Geistes“.
Hierfür ein praktisches Beispiel:
Wenn ein Boxer in den Ring steigen möchte, weil er sich monatelang mit viel Disziplin auf diesen Kampf vorbereitet hat, und ihm nun kurz vor dem Kampf sein Körper durch Übelkeit, Zittern und Schwitzen signalisiert, dass er diesen Kampf tunlichst vermeiden will, während sich seine Psyche mit dem Körper verbündet und ihn kalte Angst fühlen lässt – Angst vor dem Versagen, vor Schmerzen oder davor, k.o. zu gehen –, und dieser Boxer Körper und Psyche dennoch überwindet und in den Ring steigt: Wer steigt dann da eigentlich in den Ring, wenn wir tatsächlich nur aus Körper und Psyche bestünden?
Wer hätte die Disziplin für das harte Training und den Verzicht im Vorfeld aufgebracht? Körper und Psyche jedenfalls nicht.
Als Menschen besitzen wir eine geistige Dimension, die uns erst wirklich zum Menschen macht. Hier können wir glauben, lieben, humorvoll sein, uns von unseren Befindlichkeiten distanzieren, uns selbst disziplinieren und uns somit über Körper und Psyche hinwegsetzen.
In dieser geistigen Dimension bleiben wir als Person immer heil. Denn wir sind nicht unser Körper und auch nicht unsere Psyche – beides ist lediglich ein Teil von uns.
Ein Mann mit einer Gehbehinderung ist nicht seine Gehbehinderung, und ein Mädchen mit einer Depression ist nicht seine Depression. Sie haben diese, aber sie sind weit mehr als das.
Die Psyche ist wie ein Wachhund, der es durchaus gut mit seinem Besitzer meint und ihn vor Verletzungen und Gefahren schützen möchte. Aber wie jeder Hund muss auch dieser gut erzogen werden, sonst übernimmt er die Führung.
Wie leicht ist es zu sagen: „So bin ich eben“ oder „Ich kann halt nicht anders“. Doch solche Denkweisen sind der Tod der für den Menschen so wichtigen und täglich möglichen Entwicklung hin zu dem Menschen, der er noch sein könnte.
Denn wie Karl Jaspers, dessen Denkweise Frankl stark beeinflusste, passend sagte:
„Der Mensch ist immer mehr, als er von sich weiß. Er ist nicht, was er ein für allemal ist, sondern er ist ein Weg.“
Wir dürfen auch liebevolle Strenge uns selbst gegenüber walten lassen, den inneren Wachhund an die Leine nehmen und ihm zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt. Ängste lassen sich überwinden und Zweifel abschütteln, wenn wir uns unserer inneren Freiheit bewusst werden und Verantwortung für uns selbst übernehmen.
Denn um mit Frankl selbst zu sprechen: Wir müssen uns von uns selbst nicht alles gefallen lassen.





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