Das Menschenbild der Logotherapie– warum Reduktionismus dem Menschen nicht gerecht wird

Aktualisiert: 15. Mai
„Trotz aller Einheit und Ganzheit des Wesens Mensch gibt es eine Mannigfaltigkeit von Dimensionen, in die hinein er sich erstreckt, und in sie alle hinein muss ihm die Psychotherapie folgen.“— Viktor E. Frankl
Den Menschen nur auf eine einzige Dimension zu reduzieren, wie es beispielsweise ein reiner „Psychologismus“ oder „Physiologismus“ tut, bedeutet letztlich, ihn nicht in seiner Ganzheit zu betrachten.
Stephen Hawking wäre aus der Sicht eines reinen „Physiologisten“ demnach lediglich ein durch seine Krankheit schwer beeinträchtigter Mann im Rollstuhl – nichts weiter. Dass er zugleich ein physikalisches Genie war, dem die Wissenschaft unermesslich viel zu verdanken hat, würde dabei kaum erfasst werden.
Viktor Frankl unterteilt den Menschen in drei Dimensionen, die jedoch untrennbar miteinander verwoben sind:
𝟏. Die körperliche / physische Dimension
Sie betrifft unseren Körper und seine Verfassung – genetisch, gesundheitlich und biologisch.
𝟐. Die seelische / psychische Dimension
Hier erleben wir Emotionen und innere Befindlichkeiten wie Verliebtheit, Wut, Angst oder Eifersucht. Auch unser Verstand, Triebe, Instinkte, Prägungen und seelische Verletzungen sind hier anzusiedeln.
𝟑. Die geistige / noetische Dimension
Hier ist unsere Freiheit beheimatet – die Freiheit, innerlich Stellung zu allem zu beziehen, was uns widerfährt, ebenso wie zu unseren körperlichen und psychischen Zuständen. Hier finden sich die Trotzmacht des Geistes, unsere Werte und unser Streben nach Sinn.
Keine dieser Ebenen kann losgelöst von den anderen betrachtet werden, wenn man dem Menschen wirklich gerecht werden und Reduktionismus vermeiden möchte.
💡 Gerade bei einem so komplexen Wesen wie dem Menschen wird deutlich, dass eine rein reduktionistische Sichtweise zwangsläufig an ihre Grenzen stößt – insbesondere dann, wenn es um Heilung, Entwicklung und psychische Gesundheit geht.
Und dennoch wird bis heute in vielen Bereichen genau so gearbeitet.
Auch in Medizin und Psychologie wird mit dem multidimensionalen Wesen Mensch häufig vor allem auf zwei Ebenen gearbeitet: Körper und Psyche. Körperliche und psychische Beschwerden werden medikamentös oder therapeutisch behandelt – oft mit großem Nutzen und großer Wichtigkeit.
Doch auf geistige Krisen, wie etwa ein empfundenes existenzielles Vakuum – also das Gefühl innerer Leere und fehlender Sinnhaftigkeit –, hat eine rein körperlich-psychische Betrachtungsweise keine wirkliche Antwort.
Dabei ist die Frage nach dem Sinn des Lebens kein Krankheitssymptom, sondern etwas zutiefst Menschliches.
Wird dieser innere Durst nach Sinn jedoch dauerhaft enttäuscht oder vorschnell pathologisiert und lediglich „ruhiggestellt“, kann genau daraus langfristig echtes Leiden entstehen.





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